Limitiertes Leben, leben am Limit

Georg Huber Edicion 2015FĂŒr den Weintrinker ist das wohl ganz normal, jeder Jahrgang ist anders. War zum Beispiel der 2010er ein Jahrhundertwein, kann der 2011er schon “ein rechter Sauerampfer” sein. FĂŒr den Weissbiertrinker, der wie ich daran gewöhnt ist, dass nicht nur jedes Glas Schneider-Weisse gleich schmeckt, sondern sogar der Brauer in der 5. Generation Georg Schneider heisst, ist das verwirrend. Bei vielen und vielem wird das “limitiert sein” als besonders positives Merkmal herausgestellt. So gibt es Zigarren in einer “Edicion Limitada”, wie zum Beispiel auch die neue Hausmarke von Georg Huber, oder den Dunhill Tabak BB1938, sowie diverse Whiskys in einer – auf so und so viel Flaschen – limitierten Destiller’s Edition.

Weisses BrĂ€uhausMir macht das eher Angst, als dass es mich zu Kaufen reizt. Was, wenn mir das jetzt besonders gut schmeckt? Was passierte mit dem wunderbaren spanischen RosĂ©, den ich einen Sommer lang beinahe tĂ€glich  auf der Terrasse genossen habe? Im Jahr darauf, war er mit 50% Preisaufschlag unbezahlbar und noch ein Jahr spĂ€ter, immer noch teuer aber dafĂŒr schlecht? Will ich mich ĂŒberhaupt auf etwas einlassen, was so klar und deutlich limitiert ist? HĂ€tte mich meine Frau geheiratet, wenn Sie von vorne herein gewusst hĂ€tte, dass die Ehe vorbei ist, bevor sie sich endlich an meine Macken gewöhnt hat? Ich liebe Dinge, deren Konzept BestĂ€ndigkeit ist. Das Parfum Nr. 10 von Knize in Wien, den Zaunerstollen, schottischen Whisky, eine Romeo y Julieta, Dunhill-Pfeifen, und Weißbier, die schönen Dinge, die es bitte fĂŒr immer geben soll.

Knize 10 WienNatĂŒrlich kann es auch einmal mit etwas vermeintlich Ewigen vorbei sein. Auch ist grundsĂ€tzlich vorstellbar, dass der 6. Chef der Brauerei der Familie Schneider nicht “Georg” sondern “Kevin” heisst und nur noch fades Weissbier verkauft. Auch der 16 Jahre alte Lagavulin, könnte n ein paar Jahren nicht mehr genau so schmecken wie heute, aber das wĂ€re dann eben ein Unfall, eine Tragik und nicht Teil des Konzepts.

Lagavulin 16 JahreFast hoffe ich, dass mir die neue Zigarre vom Georg Huber nicht schmeckt, damit die Welt wieder in Ordnung ist und ich das rauchen kann, von dem ich zumindest hoffen darf, dass es immer fĂŒr mich erreichbar sein wird. Sonst mĂŒsste ich eichhörnchenhaft zu sammeln beginnen und das ist fĂŒr jemanden, der gerade im Umzug steckt, eine Horrorvorstellung.

Wie ist das bei Ihnen lieber Leser, beÀngstige sie das Leben mit der Limitiertheit auch oder reizt es sie gar vergÀngliche Dinge zu lieben?

1 Antwort

  1. Lutz Prauser sagt:

    Angesichts dieses Artikels fĂ€llt mir spontan das Dolomiti-Eis von Langnese ein. Das war als Kind mein absoluter Topfavorit aus dem fĂŒr uns erschwinglichen Angebot an Wassereis am BĂŒdchen (fĂŒr Bayern simultan ĂŒbersetzt: am Kiosk).
    Schon allein, weil es fĂŒr 60 Pfennig drei verschiedene Geschmacksrichtungen in nur einem (!) Eis gab. Dann war’s weg. Wie die Kindheit. Hat wohl keiner mehr gekauft, denn die Sortimentbereinigung ist ja meist dem geschuldet, dass sich fĂŒr ein Produkt kein Markt mehr findet.
    Vergangenes Jahr war es wieder da, zwar anders, aber irgendwie schon. Und jetzt ist es irgendwie schon wieder weg. Zumindest an den ĂŒblichen Wassereisverkaufsstellen sehe ich es schon nicht mehr. Kauft wohl keiner.
    Also: VergÀngliches lieben, solange es das gibt. Und das inensiv.
    Dann in der Erinnerung vergolden und was Neues entdecken.

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