Eine Ode an das Kännchen Kaffee

Kännchen KaffeeKennen Sie ihn noch, den Spruch „Draußen nur Kännchen“? Die Kellnerinnen – damals noch allesamt schwarz gewandet mit weißem Häubchen und Schürzchen und mit knöchelhohen Gesundheitsschuhen – wiesen den Gast barsch darauf hin, dass sie es keinesfalls in Erwägung zögen, wegen nur einer Tasse Kaffee, in den Gastgarten zu laufen, Gesundheitsschuhe hin oder her. Heute gibt’s draussen nur noch Sprizz, Hugo und Latte macchiato, niemand würde auf die Idee kommen einen Kaffee zu bestellen, weder Tässchen noch Kännchen. Meine Zunge soll mir im Mund verdorren, wenn je ich eines dieser ekligen Modegetränke mit dem Alkoholgehalt eines amerikanischen Dünnbieres zu mir nehmen sollte und auch warme Milch mit Kaffeegeschmack kann mir gestohlen bleiben. Egal, ob Segafredo oder Starbucks, für überteuerte Milchmischgetränke bin ich sowohl zu alt, als auch nicht blöd genug.

Wann habe ich denn das letzte Mal ein Kännchen Kaffee bestellt?, frage ich mich selbst. Zum Frühstück eine Schale Kaffee mit Milch aus dem heimischen Siebträger, Vormittags ein Cappuccino beim Italiener auf der Terrasse, einen grossen Braunen im Zauner, einen Espresso nach dem Essen …

Bei den Schwaben am Prenzelberg ist gerade handgebrühter Filterkaffee ganz gross im Trend, oder die japanische Cold-Drip-Methode, die ich zur Infusion von Gin ganz famos finde, aber sonst für kalten Kaffee halte.

Wann kommt endlich die Renaissance des so oft als Holzbeize verspotteten Kännchen Kaffees? Hier in der oberbayrischen Provinzperipherie Fürstenfeldbruck gibt es tatsächlich noch ein Kaffeehaus, in dem es noch Kännchen gibt und regelmässig bestelle ich es dort auch. Der Kaffee kommt aus einer grossen Maschine (vielleicht sogar von den Shitstorm-Königen Kaffepartner) und wurde seit Stunden warm gehalten, war bestimmt schon mal als Sirup tiefgefroren und schmeckt einfach widerlich. Er ist sauer, unbekömmlich und lauwarm. Die zwei Portionspackungen Kondensmilch aus Aluminium und Polyester sind auch typisch Provinz und politisch genauso unkorrekt, wie der Bedienung auf den Hintern zu klopfen, da wäre ein zweites kleineres Kännchen schöner …

Trotzdem, vor mir stehen ein Kännchen und eine Tasse und ich bestimme den Milchgehalt selbst, schenke nach, verdünne wieder … ich mag das, es ist eine Art altdeutscher Plörre-Kaffee-Zeremonie, so nah am Zen wie man an einem Resopaltisch eben sein kann.

Geht’s Ihnen auch so, lieber Leser? Was, wenn wir dem Kännchen eine Wiedergeburt bescheren könnten, vielleicht mit gutem Kaffee darin, wäre das etwas?

 

5 Antworten

  1. Michael Kausch sagt:

    Die Renaissance des Filterkaffees schwappt ja seit rund zwei Jahren aus den USA über den großen Teich. Das ist auch kein Zufall, ist sie doch ein Reflex auf die grässliche „Coffee-to-go“-Unkultur, die wir vor Jahren ebenfalls aus den USA importierten. Ein ordentlicher Filterkaffee erfordert ebenso Muße in der Herstellung, wie im Genuß. Deshalb mag dem Kännchen Filterkaffee ein Platz zwischen all den anderen Klassikern der Kaffeekultur zugewiesen werden, also zwischen Espresso, Mokka und dem guten jüdischem Botz. Und das sind dann auch schon alle vier Kaffee-Varianten, die ich gelten lassen mag: das Melitta-Kännchen zur Sahnetorte, den Espresso im Stehen, den cafe hellenico gliko nach dem Mahl und den Botz mit ein klein wenig Kardamom für alle anderen Anlässe.

  2. OliverG sagt:

    Ich hab grad wieder Sonntagmorgen-Kaffee hier, was mir mal wieder klar macht, wie verschieden das von dem Kaffee schmeckt, den ich sonst trinke (Fairtrade aus dem dm). Und ja, davon würd man gern ein Kännchen trinken (French Press?) ind das gern auch einfach schwarz oder maximal mit Milchspuren.

    Will sagen: Dafür.

    Auch wenn #draussennurkaennchen für mich eher für die Idee der Servicewüste steht.

    Ansonsten reicht es auch, wenn manche Leute nur bestellen, was sie auch korrekt aussprechen können.

    Und jetzt merk ich: Sherlock-Gucken färbt doch ab 😉

  3. Lutz sagt:

    Leider korrespondiert das „Draußen nur Kännchen“ mit „Seniorenteller nur für Senioren“, „Kindergerichte bis 12“ und weiteren Kuriositäten, die die Gastronommen als Spielregel aufgestellt und an die sich der Gast (!!!) gefälligst zu halten hat.
    Und die Qualität des Kaffees und sein Geschmack stehen dem des Tees dann nicht nach. Man bekommt lauwarmes Wasser und einen schnöden Teebeutel aus der Metro, wenn’s hochkommt noch ein Tellerchen, um den Beutel irgendwann irgendwo deponieren zu können.
    Entschuldigung: Aber für „Draußen nur Kännchen“ habe ich kein Verständnis, und für das Gebräu zu viele funktionierende Geschmacksnerven.

  4. Alexander Broy sagt:

    Lieber Lutz,
    tatsächlich zeigt sich in der Gastronomie die Servicewüste am Deutlichsten. Vegane Restaurants bieten nicht wenigsten EIN Fleischgericht für Carnivore an. Es gibt weder Miniportionen für Magersüchtige noch Kotztüten für Bulimiker … traurig, traurig …

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